
Bild: Kleinwasserkraft Österreich
Die Energiewende in Österreich erfordert einen intelligenten Mix aus erneuerbaren Energien. Neben Wind- und Solarenergie leistet die Kleinwasserkraft seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zu einer sicheren, regionalen und klimafreundlichen Stromversorgung. Doch welche Bedeutung hat sie heute tatsächlich für das Energiesystem? Welche Vorteile bietet sie gegenüber anderen Energiequellen – und welche Herausforderungen gilt es zu bewältigen?
Im Interview sprechen wir mit dem Geschäftsführer Dr. Paul Ablinger bei Kleinwasserkraft Österreich über die Rolle der Kleinwasserkraft für Österreichs Energiezukunft, ihre Bedeutung für Versorgungssicherheit und Klimaschutz sowie die Visionen und Ziele für die kommenden Jahre. Zudem werfen wir einen Blick auf die Chancen und Grenzen dieser bewährten Technologie und zeigen auf, warum Kleinwasserkraft auch langfristig ein wichtiger Baustein der nachhaltigen Energieversorgung bleiben könnte.
JOBVERDE.at: Was versteht man unter Kleinwasserkraft und welchen Beitrag leistet sie aktuell für Österreichs Energieversorgung?

Bild: Geschäftsführer Dr. Paul Ablinger, Kleinwasserkraft Österreich
Geschäftsführer Dr. Paul Ablinger: Als Kleinwasserkraftwerk versteht man in Österreich und der EU (abgesehen von Deutschland) all jene Wasserkraftwerke, die eine Leistung von unter 10 Megawatt (in Deutschland bis 1 MW) aufweisen. In Österreich gibt es momentan mehr als 4.000 Kleinwasserkraftwerke, die jährlich etwa 7 Terawattstunden Strom produzieren – das entspricht ca. 10 % des gesamten Stromverbrauchs des Landes. Rein rechnerisch kann so jeder zweite Haushalt mit Energie versorgt werden. Viele Kraftwerke sind im Besitz von KMU’s und sorgen somit für niedrige Stromkosten vor allem bei produzierenden Betrieben, was eine wesentliche Stärkung heimischer, lokaler Wirtschaft bedeutet.
Die Leistung der Kleinwasserkraft ist aber nicht nur auf die Energiegewinnung beschränkt. Die Kleinwasserkraft trägt unter anderem durch Spannungshaltung, Momentanreserven, Wirkleistungsanpassung und Blindleistungsproduktion aktiv zur Netzstabilität bei. Darüber hinaus sind viele Kraftwerke schwarzstartfähig, können im Fall eines Blackouts also helfen, die Stromversorgung wieder aufzubauen oder im Inselbetrieb die Versorgung weiterhin sicherstellen.
Welche Vision verfolgt Ihr Verein für Österreichs Energiezukunft und welche Rolle soll die Kleinwasserkraft dabei langfristig spielen?
Kleinwasserkraft ist und bleibt das Rückgrat der dezentralen Versorgung mit erneuerbarem Strom und hat schon aufgrund der eingangs erwähnten Aspekte große Bedeutung für die Energiewende und Versorgungssicherheit. Wir sprechen uns für den naturverträglichen Ausbau der Kleinwasserkraft aus. Dazu haben wir vor kurzem auch eine Potenzialstudie veröffentlicht. Diese zeigt, dass – unter optimalen regulatorischen Bedingungen – ein österreichweites Potenzial von mehr als 6 Terrawattstunden Jahresproduktion zusätzlich besteht. Mit dieser Menge an Strom könnte man 1,85 Millionen Haushalte versorgen. In den nächsten 1 – 3 Jahren könnten bereits knapp 0,8 Terrawattstunden erschlossen werden.
Wichtig ist festzuhalten, dass wir alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der sauberen Energiegewinnung ausschöpfen müssen. Windkraft und Photovoltaik müssen genauso ausgebaut werden. Um unser Energiesystem zu 100 % auf Erneuerbaren Energien umzustellen, sind Wasserkraftwerke allerdings unverzichtbar.

Bild: Kleinwasserkraft Österreich
Warum gilt Wasserkraft – insbesondere Kleinwasserkraft – als nachhaltige Energiequelle? Wo liegen ihre größten Vorteile, aber auch mögliche Herausforderungen?
Als nachhaltig bzw. eher „erneuerbar“ werden all jene Energiequellen bezeichnet, die entweder nachwachsen oder deren Grundlage durch die Stromproduktion nicht verbraucht wird: Wasser befindet sich im Kreislauf und fließt beständig, Wind und Sonne verbrauchen sich nicht, Biomasse wächst nach – anders als bei Öl und Gas, deren Vorräte in einigen Jahrzehnten erschöpft sein werden, wenn wir so weitermachen würden wie im letzten Jahrhundert.
Der viel wichtigere Vorteil der Kleinwasserkraft liegt im Vergleich mit fossilen Energieträgern darin, dass Strom emissionsfrei erzeugt wird. Beim Bau entstehen zwar einmalig Emissionen, auf die einzelne Kilowattstunde gerechnet tendieren sie über den gesamten Lebenszyklus eines Kraftwerks von teils mehr als 100 Jahren betrachtet jedoch gegen Null. Im Gegensatz dazu belaufen sich die Emissionen von fossilen Kraftwerken laut dem österreichischen Regulator je nach Energieträger auf 440 – 880 g CO2 pro Kilowattstunde. Dieser Ausstoß ist wesentliche Ursache für den vom Menschen verursachten Klimawandel mit all seinen negativen Konsequenzen.
Herausforderungen ökologischer Natur zeigen sich teilweise bei Kleinwasserkraftwerken, die noch nicht am Stand der Technik sind. Diese werden im Zuge von Revitalisierungen laufend modernisiert. Neue Kraftwerke am Stand der Technik sind mit dem guten ökologischen Gewässerzustand problemlos vereinbar. Wichtig wäre daher, wenn ökologische Probleme bestehen, nicht nur auf Kraftwerke zu schauen, sondern alle Gewässerstakeholder in den Blick zu nehmen.
Der Ausbau erneuerbarer Energien hängt stark von politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Welche Entwicklungen sind aktuell entscheidend für die Zukunft der Kleinwasserkraft in Österreich?
Ganz aktuell ist das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) relevant. Diese soll die Renewable-Energie-Direktive III umsetzen und vor allem durch die Beschleunigungen von Genehmigungsverfahren den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben. Der Gesetzesentwurf (Stand Mai 2026) greift aus unserer Sicht jedoch deutlich zu kurz, vor allem, weil das öffentliche Interesse für die Kleinwasserkraft relativiert wird und notwendige und sinnvolle Vereinfachungen und die Beendigung von Doppelgleisigkeiten (zb Gewässerökologie im Wasserrechts- und im Naturschutzverfahren) für Wasserkraftprojekte nicht vorgesehen sind. Hier sind bis zum finalen Beschluss noch wesentliche Änderungen nötig, damit das Gesetz seine beschleunigende Wirkung für die Kleinwasserkraft auch wirklich entfalten kann.
Ein weiterer Punkt ist das Gegensteuern bei den steigenden finanziellen Belastungen von Betreiber*innen. Erst kürzlich wurde sowohl durch die Infrastrukturabgabe im Rahmen des Elektrizitätswirtschaftsgesetzes als auch durch die gesunkenen Marktprämien der finanzielle Druck weiter erhöht. Das ist nicht nur für bestehende Anlagen ein Problem, sondern erschwert auch die Finanzierung künftiger Projekte.
Politisch ist der Ausbau der Erneuerbaren gewollt, zumindest gibt es eine Vielzahl an (Lippen)bekenntnissen dazu. Es scheitert dabei aber nicht etwa an fehlenden Potenzialen oder mangelnder Motivation von Unternehmen oder Einzelpersonen, durch die Errichtung und den Betrieb von Kraftwerken einen Beitrag zur Energiewende zu leisten, sondern an einem investitionsunfreundlichen Umfeld, zu langen Genehmigungsverfahren und sich ständig ändernden Rahmenbedingungen, die langfristige Planungen erschweren.
Wir als Verein Kleinwasserkraft Österreich sind stetig im Austausch mit Politiker*innen und Stakeholder*innen, um Verbesserungen zu erreichen, damit die Kleinwasserkraft ihre wichtigen Aufgaben auch weiterhin erfüllen kann. Leider bewegt sich die Diskussion oft nicht auf ausreichendem fachlichem, wissenschaftlich fundiertem Niveau, weshalb die Rahmenbedingungen oft unzureichend sind.

Bild: Kleinwasserkraft Österreich
Welche konkreten Aufgaben übernimmt Ihr Verein als Interessenvertretung der Branche und für wen setzen Sie sich genau ein?
Kleinwasserkraft Österreich ist die Interessensvertretung für die gesamte heimische Kleinwasserkraftbranche, von den Betreiber*innen über Projektentwickler*innen bis hin zu Zulieferbetrieben wie Unternehmen, die Turbinen und Generatoren herstellen. Als solche setzen wir uns auf allen politischen Ebenen, von den Gemeinden bis hin zur EU, für Rahmenbedingungen ein, die den Ausbau und vor allem den Fortbestand der Kleinwasserkraft in Österreich ermöglichen. Das heißt also Öffentlichkeitsarbeit genauso wie politische Arbeit und natürlich Serviceleistungen für unsere Mitglieder.
Als Interessenvertretung haben Sie einen breiten Überblick über die Branche: Wie hat sich der Arbeitsmarkt rund um die Kleinwasserkraft in den letzten Jahren entwickelt?
Obwohl die Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau herausfordernd sind, bleibt die Arbeitsmarktsituation stabil bis leicht wachsend. Insbesondere in der Industrie werden laufend neue Mitarbeiter*innen gesucht, was sich auch durch die hohe Exportquote und die steigende Nachfrage nach beispielsweise Turbinen, die oftmals in Österreich direkt gefertigt werden, erklären lässt. Wichtig wäre es aber natürlich auch den Heimatmarkt – der natürlich von großer Bedeutung ist – zu stärken.
Welche Berufsbilder und Qualifikationen sind in der Kleinwasserkraft aktuell besonders gefragt und welche konkreten Einstiegsmöglichkeiten gibt es für junge Talente oder Quereinsteiger:innen, die aktiv an der Energiewende mitarbeiten wollen?
Österreich ist Wasserkraftland – nicht nur hinsichtlich der Energieversorgung, sondern auch in der Industrie. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Planung über Bau bis hin zu Betrieb und Wartung – bieten sich vielfältige berufliche Möglichkeiten.
Insbesondere die Herstellung von Turbinen ist in Österreich ein wichtiger Industriezweig, der international einen sehr guten Ruf genießt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Ingenieur- und Planungsbüros, Umweltgutachter*innen sowie spezialisierte Bau- und Elektrotechnikunternehmen, die an der Entwicklung und Umsetzung von Kleinwasserkraftprojekten beteiligt sind. Wer weniger technische Berufe bevorzugt, hat ebenfalls eine Reihe an Möglichkeiten: etwa in den Bereichen Projektmanagement, Genehmigungsverfahren, Kommunikation, Interessenvertretung oder im kaufmännischen und administrativen Umfeld und auch aufgeschlossene Expert*innen im Bereich der Ökologie werden benötigt.
Für junge Talente bieten wir als Verein Kleinwasserkraft Österreich bereits seit vielen Jahren ein Freiwilliges Umweltjahr an, das auch als Zivildienstersatz anerkannt wird. Unsere FUJ-Praktikant*innen haben dabei die Möglichkeit, Ihre persönlichen Stärken einzubringen und auf diese Weise einen wertvollen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz zu leisten.
Warum ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, sich beruflich mit erneuerbaren Energien – und speziell mit Kleinwasserkraft – zu beschäftigen?
Wenn wir künftig heimische, leistbare und umweltfreundliche Energie haben möchten, führt kein Weg am Ausbau der Erneuerbaren vorbei. Das ist nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit, sondern auch der Wirtschaft und des Beitrags gegen den menschengemacht Klimawandel. Gerade durch die momentanen Krisen wird diese Notwendigkeit auch der Öffentlichkeit mehr und mehr bewusst. Wenn man sich für einen Beruf mit Bezug zur Kleinwasserkraft entscheidet, entscheidet sich für einen Job mit Sinn und Zukunft!
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Corinna Misterek studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft. Sie ist in der Öffentlichkeitsarbeit und im Social-Media-Marketing tätig und sammelte internationale Erfahrung während eines Erasmus-Semesters in Malta. Thematisch interessiert sie sich besonders für nachhaltige Ernährung.
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